Xenia, Lea, Miriam
G u e s t B o o k
Journal/Tagebuch II
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Journal/Tagebuch I
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«Hunderttausend Opfer sind eine
abstrakte Grösse. Erst wenn man man mit Einzelschicksalen
statt nur mit der stets ansteigenden Zahl der Toten
konfrontiert wird, kann man die ganze Tragik erfassen.»
Trotz allem wünsche ich allen Lesern ein gutes neues Jahr:
Béla Szladek aus Köln, Neujahr 2005
«Der Mensch hat Mühe, die
Liebe Gottes und das Leiden der Welt zusammenzubringen.»
«Nach der Flut ist nun die Bilderflut über uns
hereingebrochen.»
«Wir alle sind mitten im Leben vom Tod umgeben.»
«Leid kann man nicht verstehen, man kann es nur
durchstehen, bestehen.»
«Trotz Leid und Tod das Leben
bejahen»
Johnson Eliezer, Schweizer mit indischen Wurzeln und
Pfarrer in Bargen bei Aarberg, sucht nach der Flutkatastrophe,
die auch über seine alte Heimat hereingebrochen ist, nach
Worten – und nach Antworten auf Fragen, die sich an der
Schwelle zum neuen Jahr stellen.
«Bund»: Die Flutkatastrophe hat Zerstörung,
Tod und unvorstellbares Leid gebracht – da fehlen die
Worte. Was sagen Sie als Pfarrer, wenn man Sie nach Worten
fragt?
Johnson Eliezer: Angesichts einer Tragödie von solch
kosmischer Dimension muss man verstummen. Da ist
Sprachlosigkeit verständlich und auch angebracht. Es ist
schwer, die richtigen Worte zu finden, um diesem Ereignis, das
allen Schreckensbildern in den Medien zum Trotz unvorstellbar
bleibt, wirklich gerecht zu werden.
Fast scheint es, als wäre die Sintflut über die
Menschen in Südostasien hereingebrochen . . .
Ja. Die Flut ist mit ungeheurer Zerstörungskraft über
die Menschen gestürzt – in unfassbarer
Unmittelbarkeit und Plötzlichkeit. Sie hat uns wieder
gezeigt, dass nicht alles in den Griff zu bekommen ist –
dass der Mensch letztlich verwundbar und hilflos bleibt. Sie
hat uns aufgezeigt, wo unsere Grenzen liegen und dass es nicht
möglich ist, unseren Machbarkeitswahn durchzuziehen. Am
Schluss stehen wir bloss ohnmächtig vor diesem Horror.
Obschon sich nun auch hier die Frage stellt, ob sich in Bezug
auf das fehlende Alarmsystem denn wieder das
Nord-Süd-Gefälle bemerkbar macht: ob die armen
Länder dem Schrecken viel unmittelbarer ausgeliefert sind
als wir.
Was sich auch darin zeigt, dass viele Touristinnen und
Touristen nun dem Chaos entfliehen können, die
überlebenden Einheimischen aber in ihrem Elend
zurückbleiben und riskieren, selber Opfer von Seuchen zu
werden?
Ja. Und das Gefälle zwischen Arm und Reich zeigt sich bei
dieser Katastrophe auch in der Versicherungsfrage. Die
Hotel-Resorts und die Steinhäuser der Wohlhabenden sind
versichert, die weggespülten Bretterbuden der Armen nicht.
Doch was ist nun mit ihnen? Wer ermöglicht ihnen das
Weiterleben? Und was für eine Bedeutung kann dieses Leben
für sie noch haben, wenn die Eltern ihre Kinder oder die
Kinder ihre Eltern verloren haben?
Haben Sie Nachrichten aus Ihrem persönlichen Umfeld in
Indien?
Meine Mutter war am 26. Dezember in Madras, also mitten im
Katastrophengebiet an der indischen Ostküste. Als ich sie
nach langem Bangen endlich am Telefon erreichte, hat sie mir
die Dramatik und die verheerenden Folgen der Flutwelle
geschildert: Der Küstenstreifen sei innert Minuten
völlig zerstört und zu einer Zone des Todes geworden,
während wenige Hundert Meter weiter im Landesinnern alles
unversehrt geblieben sei. Und ein Hotelmanager hat mir am
Telefon von einem Kind erzählt, das er unmittelbar vor dem
Hereinbrechen der Wellen beim Spielen am Strand beobachtet habe
– und das dann, von einer Sekunde auf die andere, vom
Erdboden verschwunden und nicht wieder aufgefunden worden sei.
Tausenden von Kindern, von Vätern und von Müttern ist
es ebenso ergangen, Angehörige und Freunde sind sprachlos
und mittellos zurückgeblieben.
Erst durch die Anteilnahme an Einzelschicksalen ist das Ausmass
der Katastrophe überhaupt zu ermessen?
Ja. Hunderttausend Opfer sind eine abstrakte Grösse. Erst
wenn man man mit Einzelschicksalen statt nur mit der stets
ansteigenden Zahl der Toten konfrontiert wird, kann man die
ganze Tragik erfassen. Und da fällt es schwer, nach
Erklärungen oder sogar nach einem Sinn zu suchen oder das
Ganze einfach einmal stehen zu lassen. Da denke ich an die
Bibel – an Hiob, der von einem Tag auf den andern alles
verliert. Seine drei Freunde kommen zu ihm, schweigen drei Tage
lang und beginnen am vierten Tag, nach Erklärungen zu
suchen.
Die Frage, die Ihnen als Pfarrer wohl immer wieder gestellt
wird: Warum lässt Gott dies zu?
Ich stelle die Frage anders: Wo ist Gott in diesem Leid? Und
gebe zur Antwort: Gott leidet mit. Doch der Mensch hat
Mühe, die Liebe Gottes und das Leiden der Welt
zusammenzubringen. Gott ist eben ein Geheimnis, seine
Pläne sind undurchschaubar. Aber er will das Leiden nicht,
er nimmt Anteil am Leiden der Menschen – an der
Brüchigkeit des Lebens, an Verderben, Elend, Krankheit und
Tod. In unserem Leben gehören Leid, Liebe und Freiheit
zusammen, unsere Welt ist eine unvollkommene, nicht
kalkulierbare Welt. Es bleibt uns nichts anderes übrig,
als unser Denken der Wirklichkeit anzupassen. Die Liebe
gehört dazu. Und auch das Leiden.
Das macht das Leiden aber nicht erträglicher.
Das Leid kann man nicht theoretisch abhandeln. Deshalb ist
dieses Gespräch hier ein untaugliches Unterfangen: Man
kann nicht von der Zuschauertribüne aus in die Arena des
Leidens blicken und dann darüber reflektieren. Leid kann
man nicht verstehen, man kann es nur durchstehen, bestehen
– indem man eben leidet, weint, schreit, klagt, anklagt.
Als Aussenstehender kann man nur versuchen, mitzugehen, statt
grosse Worte zu machen.
Diese Katastrophe trifft Menschen verschiedenster Länder,
Kulturen und Religionen – Christen, Hindus, Moslems,
Buddhisten. Wie reagieren die anderen Religionen darauf?
Das Wort Katastrophe kommt aus dem Griechischen –
«kata» heisst «herab» oder
«nieder», Katastrophe ist also ein
«herabgesandtes Geschick», ein von Gott oder von
den Göttern erteiltes Schicksal – die Antwort der
Götter auf die Machtanmassung, das Fehlverhalten oder die
Schuld des Menschen. Nach solchen Erklärungen sucht man
nun sowohl in Indonesien, wo Moslems betroffen sind, oder bei
den Hindus in Indien. Die Versuche des Einzelnen, das Elend auf
seine Weise und für sich begreiflich zu machen, sind zu
respektieren.
Warum bringt Gott solches Elend aber stets vor allem den Armen?
Das ist eine problematische Frage, denn: Katastrophen arbeiten
nicht selektiv. Sie können sich zu jeder Zeit an jedem Ort
ereignen – erinnern wir uns doch nur an die sieben
Feuerwehrmänner, die unlängst im solothurnischen
Gretzenbach getötet worden sind. Oder bedenken wir, dass
zum Beispiel auch Kalifornien sehr erdbebengefährdet ist.
Wir alle sind mitten im Leben vom Tod umgeben. Und an den
Traumstränden im Fernen Osten sind nun ja auch Menschen
getroffen worden, die nur für einige Ferientage Zuflucht
in dieser vermeintlich paradiesischen Welt gesucht haben.
Und wir, aus sicherer Distanz, schauen fassungslos zu, wissen
nicht so recht, was wir nun tun können oder tun
müssten.
Ja – nach der Flut ist nun die Bilderflut über uns
hereingebrochen. Und wir müssen erkennen, dass unsere
Hilfsmöglichkeiten begrenzt sind. Es ist aber nicht
nichts, wenn wir «nur» mitfühlen, Anteil
nehmen, im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen. Es ist
wichtig, dass wir nicht einfach sagen «das ist ja weit
weg» und uns von der eigenen Ohnmacht lähmen lassen.
Wir können uns im Kleinen engagieren – und auf diese
bescheidene Weise etwas für eine andere, bessere Welt
leisten. Alles, was wir tun, ist ein Zeichen der Liebe, ein
Ausstrecken der Hand, ein Zeichen der Verbundenheit. Etwas, das
uns bewusst macht, dass alle Menschen auf dieser Welt
miteinander verwoben sind. Ein solch kapitales Ereignis kann
auch Anlass sein, einen Moment innezuhalten und uns einige
grundsätzliche Fragen zu stellen. Etwa: Wie steht es mit
meinem Beitrag zur Verständigung unter den Menschen?
In letzter Zeit findet das Gegenteil statt: ein
Auseinanderdriften der Kulturen und Religionen. Kann eine
solche Katastrophe gar ein Wink in die andere Richtung sein?
Ich will das Leid nun nicht glorifizieren. Aber in der
Erfahrung des Leides können Menschen über sich
hinauswachsen, Völker können sich neu entdecken. Wenn
etwa Indien nun die ausländische Hilfe zurückweist,
darf man das nicht als Affront auffassen. Es macht damit nur
deutlich, dass es sich zumuten will, sich mit eigener Kraft dem
Elend zu stellen und allein, als Volk, mit der Katastrophe
fertig zu werden. Das kann auch identitätsstiftend sein.
Ich gehe aber nicht so weit, die Katastrophe als etwas
Sinnstiftendes zu sehen. Das wäre eine Verherrlichung des
Leids. Aber es gibt etwas Positives in diesem kollektiven Leid.
Sie sind Schweizer und Inder. Was würden Sie zu
Betroffenen sagen, wenn Sie in Indien Pfarrer wären?
Ich würde ihnen nicht viel sagen – bloss hinstehen,
ihnen im Kleinen beistehen, die Hand reichen. Und ich
würde mich konkret für sie einzusetzen versuchen
– um ihnen Hoffnung und neue Perspektiven zu geben.
Gibt es angesichts des Desasters für diese Menschen denn
Hoffnung?
Wenn man sieht, dass sich etwa die vom Erdbeben in Iran
heimgesuchten Menschen noch Jahre danach nicht erholt haben,
dass sie noch immer in Provisorien leben und auf die einst
versprochene Hilfe warten, stimmt das pessimistisch. Es reicht
eben nicht aus, einen Moment lang von schrecklichen Ereignissen
wie nun dieser Flutkatastrophe aufgewühlt zu sein, und
dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Es ist schlimm,
von einer Katastrophe betroffen zu sein, aber noch schlimmer
ist es, dann im Stich gelassen zu werden. Das erleben viele
Menschen so, die um jemanden trauern: Am Anfang ist die
Anteilnahme für sie gross, doch dann sind sie vergessen,
bleiben auf sich allein gestellt. Es ist traurig, dass wir zu
schnell vergessen und hinter uns lassen, was geschehen ist. Und
da ist die wohl wichtigste, tröstlichste und dankbarste
Botschaft, die ich als Pfarrer habe, die: Es gibt einen Gott,
der mit ihnen geht und die Ohnmacht mit ihnen teilt.
Und wir? Wir stehen vor der Silvesterfeier, werden uns wieder
zuprosten und ein glückliches geues Jahr wünschen.
Dürfen wir das – während anderswo Zehntausende
sterben?
Ja, wir dürfen das, denn unsere Vergänglichkeit,
Begrenztheit oder Krankheitsanfälligkeit begleitet uns
ständig, der Tod ist allgegenwärtig. Sterben ist
etwas, das jedes Leben beherrscht. Täglich sterben
Tausende – auch in anderen Katastrophen, in solchen, an
die wir uns gewöhnt haben: im Strassenverkehr zum Beispiel
oder im Krieg. Unsere Lebensbejahung, unsere Lebenslust steht
und fällt aber nicht mit einer Katastrophe, wie sie alle
treffen kann. Trotz Leid und Tod sollen wir das Leben bejahen.
Erst der Tod macht jeden Augenblick unseres Lebens bedeutsam
und einmalig – und macht es möglich, dass wir das
Leben in seiner ganzen Farbigkeit und Intensität erleben
können. Wer sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit
auseinander setzt, weiss eben, dass sich jederzeit das Ende
seines Lebens ereignen kann. Er ist somit näher dran am
Leben.
Was erhoffen Sie sich vom neuen Jahr – oder für was
beten Sie?
Für mich persönlich bitte ich um spirituelles
Wachstum – um grössere Weisheit, grössere Ruhe,
grössere Gelassenheit. Meinen Kindern wünsche ich
jene seelische und emotionale Stabilität, die es ihnen
ermöglicht, ihr Leben anzupacken. Und ich bete für
mehr Völkerverständigung und Frieden auf der Welt
– für Entspannung zwischen den Religionen. Und
für Zuversicht.
Johnson Eliezer ist Pfarrer in der evangelisch-reformierten
Kirche Bargen bei Aarberg. Er wurde 1956 im südindischen
Kerala geboren, wuchs in einer christlichen Familie in
Zentralindien und später in Benares, der heiligen Stadt
der Hindus, auf. Als 20-Jähriger kam er in die Schweiz und
studierte in Bern Theologie. 15 Jahre war er Pfarrer im
Emmental – in Langnau und Sumiswald. Seit 1990 ist er
auch Schweizer Bürger und hat nun, wie er sagt,
«zwei Heimaten». (wd)
Der Bund, INTERVIEW: WALTER DÄPP [31.12.04]
http://www.espace.ch/artikel_48657.html
http://194.209.226.170/pdfarchiv/bund/2004/12/31/30723Bernseite20041231_1.pdf
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