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Guatemala, 2004/2005
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«Hunderttausend Opfer sind eine abstrakte Grösse. Erst wenn man man mit Einzelschicksalen statt nur mit der stets ansteigenden Zahl der Toten konfrontiert wird, kann man die ganze Tragik erfassen.»
Trotz allem wünsche ich allen Lesern ein gutes neues Jahr: Béla Szladek aus Köln, Neujahr 2005


«Der Mensch hat Mühe, die Liebe Gottes und das Leiden der Welt zusammenzubringen.»

«Nach der Flut ist nun die Bilderflut über uns hereingebrochen.»

«Wir alle sind mitten im Leben vom Tod umgeben.»

«Leid kann man nicht verstehen, man kann es nur durchstehen, bestehen.»

«Trotz Leid und Tod das Leben bejahen»

Johnson Eliezer, Schweizer mit indischen Wurzeln und Pfarrer in Bargen bei Aarberg, sucht nach der Flutkatastrophe, die auch über seine alte Heimat hereingebrochen ist, nach Worten – und nach Antworten auf Fragen, die sich an der Schwelle zum neuen Jahr stellen.

«Bund»: Die Flutkatastrophe hat Zerstörung, Tod und unvorstellbares Leid gebracht – da fehlen die Worte. Was sagen Sie als Pfarrer, wenn man Sie nach Worten fragt?

Johnson Eliezer: Angesichts einer Tragödie von solch kosmischer Dimension muss man verstummen. Da ist Sprachlosigkeit verständlich und auch angebracht. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, um diesem Ereignis, das allen Schreckensbildern in den Medien zum Trotz unvorstellbar bleibt, wirklich gerecht zu werden.

Fast scheint es, als wäre die Sintflut über die Menschen in Südostasien hereingebrochen . . .

Ja. Die Flut ist mit ungeheurer Zerstörungskraft über die Menschen gestürzt – in unfassbarer Unmittelbarkeit und Plötzlichkeit. Sie hat uns wieder gezeigt, dass nicht alles in den Griff zu bekommen ist – dass der Mensch letztlich verwundbar und hilflos bleibt. Sie hat uns aufgezeigt, wo unsere Grenzen liegen und dass es nicht möglich ist, unseren Machbarkeitswahn durchzuziehen. Am Schluss stehen wir bloss ohnmächtig vor diesem Horror. Obschon sich nun auch hier die Frage stellt, ob sich in Bezug auf das fehlende Alarmsystem denn wieder das Nord-Süd-Gefälle bemerkbar macht: ob die armen Länder dem Schrecken viel unmittelbarer ausgeliefert sind als wir.

Was sich auch darin zeigt, dass viele Touristinnen und Touristen nun dem Chaos entfliehen können, die überlebenden Einheimischen aber in ihrem Elend zurückbleiben und riskieren, selber Opfer von Seuchen zu werden?

Ja. Und das Gefälle zwischen Arm und Reich zeigt sich bei dieser Katastrophe auch in der Versicherungsfrage. Die Hotel-Resorts und die Steinhäuser der Wohlhabenden sind versichert, die weggespülten Bretterbuden der Armen nicht. Doch was ist nun mit ihnen? Wer ermöglicht ihnen das Weiterleben? Und was für eine Bedeutung kann dieses Leben für sie noch haben, wenn die Eltern ihre Kinder oder die Kinder ihre Eltern verloren haben?

Haben Sie Nachrichten aus Ihrem persönlichen Umfeld in Indien?

Meine Mutter war am 26. Dezember in Madras, also mitten im Katastrophengebiet an der indischen Ostküste. Als ich sie nach langem Bangen endlich am Telefon erreichte, hat sie mir die Dramatik und die verheerenden Folgen der Flutwelle geschildert: Der Küstenstreifen sei innert Minuten völlig zerstört und zu einer Zone des Todes geworden, während wenige Hundert Meter weiter im Landesinnern alles unversehrt geblieben sei. Und ein Hotelmanager hat mir am Telefon von einem Kind erzählt, das er unmittelbar vor dem Hereinbrechen der Wellen beim Spielen am Strand beobachtet habe – und das dann, von einer Sekunde auf die andere, vom Erdboden verschwunden und nicht wieder aufgefunden worden sei. Tausenden von Kindern, von Vätern und von Müttern ist es ebenso ergangen, Angehörige und Freunde sind sprachlos und mittellos zurückgeblieben.

Erst durch die Anteilnahme an Einzelschicksalen ist das Ausmass der Katastrophe überhaupt zu ermessen?

Ja. Hunderttausend Opfer sind eine abstrakte Grösse. Erst wenn man man mit Einzelschicksalen statt nur mit der stets ansteigenden Zahl der Toten konfrontiert wird, kann man die ganze Tragik erfassen. Und da fällt es schwer, nach Erklärungen oder sogar nach einem Sinn zu suchen oder das Ganze einfach einmal stehen zu lassen. Da denke ich an die Bibel – an Hiob, der von einem Tag auf den andern alles verliert. Seine drei Freunde kommen zu ihm, schweigen drei Tage lang und beginnen am vierten Tag, nach Erklärungen zu suchen.

Die Frage, die Ihnen als Pfarrer wohl immer wieder gestellt wird: Warum lässt Gott dies zu?

Ich stelle die Frage anders: Wo ist Gott in diesem Leid? Und gebe zur Antwort: Gott leidet mit. Doch der Mensch hat Mühe, die Liebe Gottes und das Leiden der Welt zusammenzubringen. Gott ist eben ein Geheimnis, seine Pläne sind undurchschaubar. Aber er will das Leiden nicht, er nimmt Anteil am Leiden der Menschen – an der Brüchigkeit des Lebens, an Verderben, Elend, Krankheit und Tod. In unserem Leben gehören Leid, Liebe und Freiheit zusammen, unsere Welt ist eine unvollkommene, nicht kalkulierbare Welt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Denken der Wirklichkeit anzupassen. Die Liebe gehört dazu. Und auch das Leiden.

Das macht das Leiden aber nicht erträglicher.

Das Leid kann man nicht theoretisch abhandeln. Deshalb ist dieses Gespräch hier ein untaugliches Unterfangen: Man kann nicht von der Zuschauertribüne aus in die Arena des Leidens blicken und dann darüber reflektieren. Leid kann man nicht verstehen, man kann es nur durchstehen, bestehen – indem man eben leidet, weint, schreit, klagt, anklagt. Als Aussenstehender kann man nur versuchen, mitzugehen, statt grosse Worte zu machen.

Diese Katastrophe trifft Menschen verschiedenster Länder, Kulturen und Religionen – Christen, Hindus, Moslems, Buddhisten. Wie reagieren die anderen Religionen darauf?

Das Wort Katastrophe kommt aus dem Griechischen – «kata» heisst «herab» oder «nieder», Katastrophe ist also ein «herabgesandtes Geschick», ein von Gott oder von den Göttern erteiltes Schicksal – die Antwort der Götter auf die Machtanmassung, das Fehlverhalten oder die Schuld des Menschen. Nach solchen Erklärungen sucht man nun sowohl in Indonesien, wo Moslems betroffen sind, oder bei den Hindus in Indien. Die Versuche des Einzelnen, das Elend auf seine Weise und für sich begreiflich zu machen, sind zu respektieren.

Warum bringt Gott solches Elend aber stets vor allem den Armen?

Das ist eine problematische Frage, denn: Katastrophen arbeiten nicht selektiv. Sie können sich zu jeder Zeit an jedem Ort ereignen – erinnern wir uns doch nur an die sieben Feuerwehrmänner, die unlängst im solothurnischen Gretzenbach getötet worden sind. Oder bedenken wir, dass zum Beispiel auch Kalifornien sehr erdbebengefährdet ist. Wir alle sind mitten im Leben vom Tod umgeben. Und an den Traumstränden im Fernen Osten sind nun ja auch Menschen getroffen worden, die nur für einige Ferientage Zuflucht in dieser vermeintlich paradiesischen Welt gesucht haben.

Und wir, aus sicherer Distanz, schauen fassungslos zu, wissen nicht so recht, was wir nun tun können oder tun müssten.

Ja – nach der Flut ist nun die Bilderflut über uns hereingebrochen. Und wir müssen erkennen, dass unsere Hilfsmöglichkeiten begrenzt sind. Es ist aber nicht nichts, wenn wir «nur» mitfühlen, Anteil nehmen, im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen. Es ist wichtig, dass wir nicht einfach sagen «das ist ja weit weg» und uns von der eigenen Ohnmacht lähmen lassen. Wir können uns im Kleinen engagieren – und auf diese bescheidene Weise etwas für eine andere, bessere Welt leisten. Alles, was wir tun, ist ein Zeichen der Liebe, ein Ausstrecken der Hand, ein Zeichen der Verbundenheit. Etwas, das uns bewusst macht, dass alle Menschen auf dieser Welt miteinander verwoben sind. Ein solch kapitales Ereignis kann auch Anlass sein, einen Moment innezuhalten und uns einige grundsätzliche Fragen zu stellen. Etwa: Wie steht es mit meinem Beitrag zur Verständigung unter den Menschen?

In letzter Zeit findet das Gegenteil statt: ein Auseinanderdriften der Kulturen und Religionen. Kann eine solche Katastrophe gar ein Wink in die andere Richtung sein?

Ich will das Leid nun nicht glorifizieren. Aber in der Erfahrung des Leides können Menschen über sich hinauswachsen, Völker können sich neu entdecken. Wenn etwa Indien nun die ausländische Hilfe zurückweist, darf man das nicht als Affront auffassen. Es macht damit nur deutlich, dass es sich zumuten will, sich mit eigener Kraft dem Elend zu stellen und allein, als Volk, mit der Katastrophe fertig zu werden. Das kann auch identitätsstiftend sein. Ich gehe aber nicht so weit, die Katastrophe als etwas Sinnstiftendes zu sehen. Das wäre eine Verherrlichung des Leids. Aber es gibt etwas Positives in diesem kollektiven Leid.

Sie sind Schweizer und Inder. Was würden Sie zu Betroffenen sagen, wenn Sie in Indien Pfarrer wären?

Ich würde ihnen nicht viel sagen – bloss hinstehen, ihnen im Kleinen beistehen, die Hand reichen. Und ich würde mich konkret für sie einzusetzen versuchen – um ihnen Hoffnung und neue Perspektiven zu geben.

Gibt es angesichts des Desasters für diese Menschen denn Hoffnung?

Wenn man sieht, dass sich etwa die vom Erdbeben in Iran heimgesuchten Menschen noch Jahre danach nicht erholt haben, dass sie noch immer in Provisorien leben und auf die einst versprochene Hilfe warten, stimmt das pessimistisch. Es reicht eben nicht aus, einen Moment lang von schrecklichen Ereignissen wie nun dieser Flutkatastrophe aufgewühlt zu sein, und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Es ist schlimm, von einer Katastrophe betroffen zu sein, aber noch schlimmer ist es, dann im Stich gelassen zu werden. Das erleben viele Menschen so, die um jemanden trauern: Am Anfang ist die Anteilnahme für sie gross, doch dann sind sie vergessen, bleiben auf sich allein gestellt. Es ist traurig, dass wir zu schnell vergessen und hinter uns lassen, was geschehen ist. Und da ist die wohl wichtigste, tröstlichste und dankbarste Botschaft, die ich als Pfarrer habe, die: Es gibt einen Gott, der mit ihnen geht und die Ohnmacht mit ihnen teilt.

Und wir? Wir stehen vor der Silvesterfeier, werden uns wieder zuprosten und ein glückliches geues Jahr wünschen. Dürfen wir das – während anderswo Zehntausende sterben?

Ja, wir dürfen das, denn unsere Vergänglichkeit, Begrenztheit oder Krankheitsanfälligkeit begleitet uns ständig, der Tod ist allgegenwärtig. Sterben ist etwas, das jedes Leben beherrscht. Täglich sterben Tausende – auch in anderen Katastrophen, in solchen, an die wir uns gewöhnt haben: im Strassenverkehr zum Beispiel oder im Krieg. Unsere Lebensbejahung, unsere Lebenslust steht und fällt aber nicht mit einer Katastrophe, wie sie alle treffen kann. Trotz Leid und Tod sollen wir das Leben bejahen. Erst der Tod macht jeden Augenblick unseres Lebens bedeutsam und einmalig – und macht es möglich, dass wir das Leben in seiner ganzen Farbigkeit und Intensität erleben können. Wer sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinander setzt, weiss eben, dass sich jederzeit das Ende seines Lebens ereignen kann. Er ist somit näher dran am Leben.

Was erhoffen Sie sich vom neuen Jahr – oder für was beten Sie?

Für mich persönlich bitte ich um spirituelles Wachstum – um grössere Weisheit, grössere Ruhe, grössere Gelassenheit. Meinen Kindern wünsche ich jene seelische und emotionale Stabilität, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben anzupacken. Und ich bete für mehr Völkerverständigung und Frieden auf der Welt – für Entspannung zwischen den Religionen. Und für Zuversicht.

Johnson Eliezer ist Pfarrer in der evangelisch-reformierten Kirche Bargen bei Aarberg. Er wurde 1956 im südindischen Kerala geboren, wuchs in einer christlichen Familie in Zentralindien und später in Benares, der heiligen Stadt der Hindus, auf. Als 20-Jähriger kam er in die Schweiz und studierte in Bern Theologie. 15 Jahre war er Pfarrer im Emmental – in Langnau und Sumiswald. Seit 1990 ist er auch Schweizer Bürger und hat nun, wie er sagt, «zwei Heimaten». (wd)

Der Bund, INTERVIEW: WALTER DÄPP [31.12.04]
http://www.espace.ch/artikel_48657.html
http://194.209.226.170/pdfarchiv/bund/2004/12/31/30723Bernseite20041231_1.pdf


Journal II, Tagebuch (aktuell)

Journal II, Tagebuch bis Ende Februar 2005 (mit Bildern)

Journal I, Tagebuch bis Ende Januar 2005 (mit Bildern)

Journal I, Tagebuch bis Ende Dezember 2004 (mit Bildern)   Journal I: Silvester/Neujahr (Text)

Journal I, Tagebuch bis Ende November 2004 (mit Bildern)

Journal I, Tagebuch bis Mitte November 2004 (mit Bildern)

Impressum: deNIC.de http://gtm.xenia-szladek.de/Tagebuch_Silvester-2004.php Wednesday_2010-03-10_10:21+0100 38.107.191.117